Jurina sagt, sie hat immer Alkohol im Haus, damit Gäste nicht verzichten müssen und fragt nun, ob das unbedenklich ist
Eigentlich könnte ich diesen Beitrag sehr kurz halten und mit einem Wort beantworten: Nein!
Ein weit verbreiteter Gedanke scheint zu sein, dass man seinem Umfeld nicht zumuten kann, nur deswegen auf Alkohol zu verzichten, weil man selbst ein Alkoholproblem hat. Genau das ist es auch, was mir von meinem Ex-Mann eingeredet wurde. Wenn ich mich heute an die Zeit erinnere, dann stelle ich fest, dass die Menschen, die das zu mir gesagt haben, alle ohne Ausnahme selbst alkoholabhängig waren, nur mit dem Unterschied, dass sie nicht aufhören wollten.
Es ist eine ganz klare Sache: Meine Wohnung ist alkoholfrei und wird es auch bleiben. Ok, ich lebe alleine, das macht es mir natürlich leicht. Mein Partner ist auch abstinent, auch etwas, was es mir in diesem Punkt leichter macht. Allerdings muss ich wirklich mal die Frage in den Raum stellen: Wenn der Partner nicht bereit ist, in einem alkoholfreien Haushalt zu leben, sollte er/sie dann nicht mal hinterfragen, ob es da auch ein Suchtproblem gibt?
Letztlich hat es auch etwas mit dem Selbstwert zu tun. Bin ich mir wichtig genug, um die alkoholfreie Zone zu Hause einzufordern? Kann ich das wirklich bringen? Hier sollte die Antwort ganz eindeutig „ja“ heißen, denn es geht um Deine Gesundheit, sogar um Dein Leben.
Ich habe oft den Eindruck, dass Angehörige die Sucht des Betroffenen und die damit einhergehende Gefahr nicht so ganz ernst nehmen. Ich denke auch, dass es sich dabei nicht um einen bösen Willen handelt oder um Gleichgültigkeit, sondern um Unwissen. Vielleicht bekommen Angehörige aber auch Angst, dass ihnen der Alkohol nun weggenommen wird und sie selbst dann nicht mehr klarkommen.
So vielfältig die Gründe für das Unverständnis auch sein mögen, der alkoholfreie Haushalt ist ungemein wichtig. Das Zuhause, das auch ein sicherer Ort sein sollte, ist oft auch der Ort, an dem man sich zurückziehen kann, wenn der Suchtdruck da ist.
Im Fall von Suchtdruck ist die Vernunft und das Denkvermögen ziemlich beeinträchtigt. Da kommen nur die positiven Erinnerungen an den Konsum hoch und der Weg zum Kühlschrank ist dann einfach zu kurz. Muss man am Späten Abend aber durch Nacht und Nebel laufen, um sich eine Flasche zu kaufen, kann das noch ein gutes Hindernis sein.
Suchtdruck kann auch dadurch entstehen, dass man weiß, es ist Alkohol im Haus. Die Flaschen zu sehen und zu wissen, dass der Zugriff uneingeschränkt einfach da ist, macht es nicht gerade leichter. Die Gefahr sich zu einer Kurzschlusshandlung hinreißen zu lassen, ist einfach zu groß.
Mir ist mal ein Mann begegnet, der eine Flasche Korn im Schrank stehen hatte, für Besucher. Das erschien ihm über Jahre absolut unproblematisch, so dachte er zumindest. Er war über 30 Jahre abstinent und hatte wirklich einen beachtlichen Abstand zu seiner Sucht. Und dann kam der Moment, als er zu Hause etwas arbeitete und dabei überlegte, wie es wohl wäre, einen „Kurzen“ zu probieren. Das tat er. Er probierte ein einziges Mal. Der 2. Schluck aus der Flasche war der Start für ein Besäufnis der heftigeren Art. Von da an war sein Alltag von Suchtdruck und Exzessen geprägt. Er schaffte keine einzige Woche mehr ohne Alkohol auszukommen. So kam er in die Gruppe. Er nahm einige Wochen teil und berichtete manchmal, dass er nicht getrunken hatte und dann wieder von Rückfällen, wobei ich das Ganze als einen großen Rückfall bezeichnen würde.
Eines Tages rief er mich an, um sich von der Gruppe abzumelden. Komplett. Er hatte sich für den Konsum entschieden und ich habe ihn nie wieder gesehen. Das ist sehr traurig und schade, denn mir hat diese Geschichte vermutlich die Abstinenz gerettet. Ich hatte auch schon ähnliche Gedanken und die Erinnerung an ihn holt mich von Höhenflügen immer wieder auf den Boden der Tatsachen.
