Alkoholfreie Ersatzgetränke

Tjorben möchte wissen: Darf ich als Alkoholiker alkoholfreies Bier und Ähnliches trinken?

Um das gleich mal ganz abgedroschen auszudrücken: Dürfen tust Du alles. Die Frage ist, ob es gut für Dich ist. In Suchttherapien bekommt man jedenfalls eingebläut, dass der Griff zu Alkoholfreiem ein Rückfall ist, denn da wäre immer ein Rest an Alkohol drin (was bei den 0,00%-Sorten nicht stimmt) – in angebrochenem Fruchtsaft hingegen findet eine Gärung statt, da sind 0,5 Vol% schnell mal erreicht.

Es geht vielmehr um den Geschmack, die Gewohnheit, die Handlung an sich.

Tjorbens Frage lässt sich sicherlich nicht allgemeingültig beantworten, aber vielleicht ist es hilfreich, wenn ich mal meine eigene Erfahrung damit schildere.

Ich war Biertrinker. Meine tägliche Menge lag bei ca. 5 Litern täglich, da gingen also tatsächlich locker 3 Kisten x 20 Halbe die Woche durch und manchmal noch ein guter Whisky. Einer von den schottischen, deren Namen man hierzulande kaum richtig aussprechen kann. Der war für den gelegentlichen Genuss. Das Bier war mein Grundgetränk über den Tag verteilt, denn ich war ein sogenannter Spiegeltrinker und habe meinen Pegel mehr oder weniger rund um die Uhr konstant gehalten.

2008 fand mein erster Versuch statt, vom Alkohol loszukommen: Ich ging für die üblichen drei Wochen in eine qualifizierte Entgiftung. Danach war ich ohne weitere Maßnahmen wie Therapie oder Gruppe 2 Jahre lang trocken. Und irgendwann wollte ich mal mit anderen ein alkoholfreies Weizen trinken. Die Entsetztensschreie um mich herum kamen auch sofort: „Lass das!“, „Das darfst du nicht!“ usw. Ich habe geantwortet, das wäre nicht schlimm, denn letztlich wäre immer noch mein Kopf dazwischen, um zu entscheiden, ob ich jetzt das Alkoholfreie oder ein echtes Bier trinken würde.

Nun, ich trank es, und des schmeckte sogar. Über einen Zeitraum von mehreren Monaten habe ich dann öfter mal „Bleifreies“ getrunken, es wurden dann auch gerne so 5 Halbe am Abend. Da müsste eigentlich der entsetzte Aufschrei kommen, denn das ist eine unübliche Menge und ganz klares Suchtverhalten. Das öffnen, das EInschenken, Geruch und Geschmack dazu – eigentlich alles ganz wie früher.

Nur die Wirkung fehlte.

Eines Tages war es dann soweit, dass ich mir sagte: „Jetzt bin ich weit genug gekommen und stabil genug, jetzt kann ich mir auch mal beim wöchtentlichen Einkauf ein echtes Bier gönnen!“ Hab ich dann auch. Da war kein Kopf mehr dazwischen bzw. der Kopf wollte es. Das Bier schmeckte eigentlich zuerst gar nicht richtig, aber es wirkte. Und was soll ich lange erzählen…

Kurz darauf waren es zwei Bier beim Einkauf, dann ein Sixpack, dann die Elfer-Kiste , dann eine große Kiste, die ich immer schön alle hinter meiner alkoholfreien Kiste versteckt habe. Und schwupp-di-wupp war ich wieder bei meinem alten Konsum von 3 Kisten pro Woche angelangt. Ende 2011 erfolgte dann eine erneute Entgiftung mit anschließender stationärer Therapie. (Dass die noch nicht zielführend war, darüber erzähle ich wann anders, das passt jetzt nicht zu Tjorbens Frage.)

Man könnte jetzt noch darüber philosophieren, ob ein Biertrinker nun auf alkoholfreien Wein umsteigen könnte und umgekehrt. Wobei ich sagen muss, dass das soooo philosophisch gar nicht ist. Es gibt Suchtkliniken, die Cola verbieten, weil viele Patienten Mischgetränke getrunken haben, in denen man Alkohol mit Cola mischt. Dann wäre auch Kakao tabu, denn es gibt ja die Russische Scholokade… Vielleicht kommt es auch einfach darauf an, was einen persönlich triggert. Tsekyi z.B. trank früher Jägermeister, aber kein Bier. Für sie geht Kräutertee z.B. gar nicht. Malztrunk hingegen schon. Ich denke, es ist sehr wichtig darauf zu achten, dass das alkoholfreie Ersatzgetränk keins ist, das man früher mit Alkohol getrunken hat, denn der Geschmack spricht das Suchtgedächtnis an, ob wir wollen oder nicht. Das hat auch nichts mit persönlicher Stärke oder Schwäche zu tun, sondern ist ein ganz normaler Prozess im Gehirn.

Es gibt Leute, die nach ihren eigenen Worten bestens damit klarkommen, alkoholfreie Ersatzgetränke zu konsumieren, also das Pendant zum früheren Suchtgetränk. Ich stelle mir dann immer die Frage, wie lange noch – und ob sie sich nicht in die Tasche lügen.

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