Kontrolliertes Trinken

Tjorben möchte gerne wissen, ob es möglich ist, kontrolliert zu trinken.

Ein Merkmal der Sucht ist, dass man die Kontrolle über den Konsum verloren hat. Das bedeutet, man kann sich zwar vornehmen, dass es heute Abend nur zwei Gläser Bier werden sollen, aber in den meisten Fällen klappt das dann nicht mehr. Man kann nicht mehr selbst darüber bestimmen, ob man trinken möchte und, wenn ja, wie viel man trinkt.

Beim beginnenden Alkoholmissbrauch ist ein solcher Kontrollverlust noch nicht eingetreten. Das missbräuchliche Trinken beginnt ab dem Moment, ab dem der Alkohol zur Erfüllung einer Funktion eingesetzt wird, wie beispielsweise das Betäuben von Gefühlen. Der Übergang von missbräuchlichem Trinken in die Alkoholabhängigkeit verläuft fließend. Das heißt, dass der Betroffene gar nicht gemerkt hat, wann aus Spaß Ernst wurde.

Ist man einmal bei der Sucht angekommen, manifestiert sich mit der Zeit ein Suchtgedächtnis. Mehr und mehr wird es darauf trainiert, dass der Konsum die vermeintliche, wenn auch nur kurzfristige Erleichterung bringt. Darin gekoppelt sind nicht nur der Konsum mit der Erleichterung, sondern auch der Geschmack mit dem Konsum. Da man meistens über mehrere Jahre süchtig trinkt, hat sich diese Verknüpfung zu einem Automatismus entwickelt, der nicht mehr aus eigener Kraft so einfach zu stoppen ist. Es ist, als würde man einen Dominostein anstupsen. Fällt der erste Stein, werden die Nachfolger gleich mit angestoßen und fallen um.

Da erklärt es sich vermutlich von selbst, dass jemand, der einmal in der Abhängigkeit angekommen ist, nicht mehr kontrolliert trinken kann. Die Dominosteine bleiben in der Reihenfolge und im Abstand immer gleich. Deshalb sollte der erste Stein (das erste Glas) stehen bleiben.

Bist Du allerdings noch nicht in der Sucht angekommen, dann lohnt es sich, mal ein Auge auf das kontrollierte Trinken zu werfen. Vielleicht kannst Du dann noch das Schlimmste verhindern, denn es ist einfach etwas Wunderbares, wenn einen die Einschränkungen, die eine Sucht mit sich bringt, gar nicht erst einholen. Ist man noch rechtzeitig dran, dann ist es einfacher, wenn man sich bemüht den Konsum zu kontrollieren.

Ist man erst einmal über die Sucht-Schwelle gegangen, ist es mit Sicherheit deutlich einfacher, gar nichts mehr zu trinken, anstatt sich mit dem Versuch, etwas Unkontrollierbares kontrollieren zu wollen, zu quälen. Ich bin mir allerdings auch dessen bewusst, wie groß die Hoffnung der meisten Menschen ist, die zum ersten Mal vom Alkohol entgiften und noch gar nicht wahrhaben wollen, dass der Alkoholzug für sie längst abgefahren ist. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass es entsetzlich viel Kraft kostet, bis man dann ohnehin früher oder später scheitert. Dann hätte ich jeden Tag Suchtdruck, denn der erste Stein wäre dann ja angestoßen und umgefallen. Wirklich jeden Tag Suchtdruck. Das wäre es mir absolut nicht wert, auch wenn ich es toll finden würde, wenn ich einfach normal sein könnte. Der Preis dafür ist allerdings für mich ganz persönlich zu hoch. In meinem Alltag spielt Alkohol gar keine Rolle mehr. Ich denke kaum noch dran und er ist mir so relativ egal. Ich möchte nie wieder dorthin zurück, ständig Suchtdruck zu haben und mir die ganze Zeit nicht sicher sein zu können, ob ich nicht heute Abend rückfällig werde.

Manche Dinge gehören allerdings zu den Erfahrungen, die jeder selbst machen muss. Ich habe im Laufe der Jahre in den Gruppen immer wieder mitbekommen, wie viele Menschen mit dem Versuch kontrolliert zu trinken, auf die Nase gefallen sind. Mir wäre das auch beinahe passiert, wenn ich nicht eine Therapeutin gehabt hätte, die sich wirklich um mich bemüht hat.

Und? Was denkst Du? Bist Du schon im Suchtbereich oder wäre es noch rechtzeitig, wenn Du heute die Reißleine ziehst? Du kannst Dich ja mal selbst testen, indem Du über sieben Wochen immer dann ein Glas trinkst, wenn Du ohnehin etwas trinken würdest, wie zum Beispiel bei einer Party. Es dürfen nie mehr als 2 Gläser sein, aber eines muss getrunken werden (um den ersten Stein umzukippen). Dann wirst Du sehr schnell feststellen, ob die anderen Steine mit fallen oder nicht.

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